Fahrlässiger Eingriff an unserer historischen Stadtmauer

Nun plant das DRK für 2017 den zweiten Bauabschnitt in der Wickfeldtstraße zu verwirklichen. Der Erweiterungsbau soll quer durch den nördlichen Teil des mittelalterlichen Stadtmauer­ensembles gehen. Hierzu wurde bereits damals (Dezember 2011) ein detaillierter Grundriss mit den anderen Bauantragsunter­lagen eingereicht. Geplant waren dazu 23m der denkmalgeschützten Stadtmauer zu abzubrechen, also gut ein Drittel des Ensembles.

(Weitere Informationen zu diesem Ensemble und den Vorgängen 2011/12 unter Das gefährdete Denkmal). 

DRK-Altenpflegeheim           mit mögl. Erweiterungsbau

Da in der Stadtverordnetenversammlung im September 2012 einstimmig der Beschluss gefasst wurde, Stadtmauer und Türme zu erhalten, wird sich die Stadt Witzenhausen gegen einen Bau aussprechen, der die Beschädigung des Denkmals vorsieht - so die Stadtverwaltung Ende 2016.

 

Anfang Dezember 2016 wurde der Rückbau der beiden Trafogebäude genehmigt, die direkt an die Stadtmauer stadteinwärts gebaut wurden.  Auflage war, die Stadtmauer dabei nicht zu beschädigen.
Die Abbrucharbeiten begannen Ende Januar 2017.

Stadteinwärts angebaute Gebäude im nördlichen Drittel des Ensembles; 2012

Beauftragt wurde ein Abbruchunternehmen, das mit Hilfe eines Baggers mit großem Hydraulikhammer mit Spitzmeißel versuchte, den an und auf die Mauer gegossenen Beton der Trafostation von der historischen Sandsteinmauer zu trennen.
Von einem schonenden Entfernen kann nicht gesprochen werden; die erforderliche Sorgfalt wurde außer Acht gelassen.

Abbrucharbeiten mit schwerem Gerät ; 31.01.2017

Noch vor der Ortsbegehung am 1. Februar mit der Unteren Denkmal­schutz­behörde sowie dem Landes­amt für Denkmal­pflege riss der Bagger beim Entfernen der Beton­wand ein großes Loch in die Innen­seite der Stadtmauer.  Das abgebrochene Material wurde sofort abgefahren.

Zerstörte Innenseite der Stadtmauer; Aufnahme vom 5.2.2017

Frau Kühnapfel, Ortskuratorin Witzenhausen der Deutschen Stiftung Denkmalschutz und 1. Vorsitzende des Bürgervereins für Bau- und Wohnkultur Witzenhausen, wurde die Teilnahme an der Ortsbegehung gewährt. Der Verein stellte uns dankenswerterweise sein verfasstes Protokoll zur Verfügung.

Protokoll Ortsbegehung 1.2.17.pdf
PDF-Dokument [1.0 MB]
Nach Entfernung der Betonverblendung an der Außenschale ; 6.2.2017

Die Abriss­arbeiten führten zu großen Schäden an der Innen- und Außenschale. Die Vorgabe, das denk­mal­geschützte Kulturgut nicht zu beschädigen, wurde nicht eingehalten.

Klägliche Mauerreste an der Westseite ; 6.2.2017
Einstige Ostseite der Stadtmauer (Fotomontage). Die rote Linie markiert die jetzigen Mauerreste, die blaue die vom Bauforscher P. Dresen erkannte Baufuge, die auf eine Reparatur hinweist.

Bis auf den ganz nördlichen Bereich (rechts der weißen Linie) stammt alles unterhalb der blauen Linie aus dem Mittelalter, was anhand der Zusammensetzung des Setzmörtels geschlossen werden konnte. Oberhalb der Baufuge bestand die Mauer zum großen Teil aus Originalsteinen.

Das DRK möchte nun für das Wohnhaus die Mauer soweit heruntergebrochen bzw. das Bodenniveau soweit angehoben wissen, dass von der ehemals drei Meter hohen und 1,40m starken Mauer lediglich ein Fundament übrig bleibt, das im überbauten Raum von einer begehbaren Glasplatte abgedeckt werden soll.

 

Aber möchten DRK, Stadtverwaltung und Denkmalschutz die zerstörte Stadtmauer gar nicht wieder aufgebaut sehen? Auch nicht teilweise? Es stünden doch Originalsteine zur Verfügung, die abtransportiert wurden.

 

Nicht nur eine originale Mauer ist wertvoll, eine wiederhergestellte Stadtmauer doch auch!

 

Wir setzen uns für eine angemessene Wiederherstellung der zerstörten Stadtmauer ein

 

und wünschen uns, dass die Architekten Pläne ausarbeiten, die der Verant­wortung gegenüber einem solchen denkmalgeschützten Kulturerbe gerecht werden und die Stadt Witzenhausen nur wenige Jahre vor ihrer 800-Jahrfeier kein weiteres Stück ihrer historischen Stadtbefestigung verliert.

 

Der geneigte Leser mag sich fragen:

  • Warum galt die Auflage bei der Abrissgenehmigung der Trafogebäude, die Mauer nicht zu beschädigen, jetzt doch nicht?
  • Warum muss nicht derjenige die denkmalgeschützte Mauer wieder aufbauen, der sie zerstört hat. Oder derjenige, dem sie gehört?
  • Müssen Stadtverwaltung und Magistrat jetzt nicht dafür sorgen, dass der Beschluss der Stadtverordneten eingehalten wird, die Stadtmauer und Türme zu erhalten?
  • Warum soll die Stadtmauer jetzt doch nicht bleiben, obwohl das DRK fünf Mal in der Presse kundgetan hat, dass sie bliebe?
  • Gelten beim Denkmalschutz für das DRK andere Regeln als für Privatpersonen?             
  • Und zu guter Letzt: Was läuft hier in Witzenhausen alles hinter den Kulissen, von dem der Bürger gar nichts mitbekommt?

Entgegen der Forderung von Fachleuten die Außenschale zu sichern und die verbliebenen Reste der denkmalgeschützten Stadtmauer zu schützen, wird das Relikt schutzlos der Witterung ausgesetzt. Starkregen, Sturm und Vegetation setzten der Mauer stark zu. 

Weiterer Zerfall der Stadtmauerreste wird toleriert (Aufn. 19. Okt. 2017)

Im November 2017 werden die verbliebenen Reste inklusive der original mittelalterlichen Außenschale abgerissen (siehe Erfolgter Abriss)

 

"Soll man rekonstruieren? Ich muss die Frage rückhaltlos bejahen.

Vielleicht ist die Zahl der Menschen in Deutschland wie außerhalb heute noch nicht so sehr groß, welche vorauszusehen vermögen, als welch vitaler Verlust, als welch trauriger Krankheitsherd sich die Zerstörung der historischen Stätten erweisen wird. Es ist damit nicht nur eine Menge hoher Werte an Tradition, an Schönheit, an Objekten der Liebe und Pietät zerstört: Es ist auch die Seelenwelt dieser Nachkommen einer Substanz beraubt, ohne welche der Mensch zwar zur Not leben, aber nur ein hundertfach beschnittenes, verkümmertes Leben führen kann."

 

Hermann Hesse  * 02. 07. 1877 + 09. 08. 1962