Teilabriss des historischen Stadtbefestigungs-Ensembles

Während andere Städte große Summen in die Hand nehmen, um ihre Geschichte durch aufwendige und teure Rekonstruktionen zurückzugewinnen, geschieht in Witzenhausen kurioserweise genau das Gegenteil: Ein über 750 Jahre altes Stadtbefestigungs-Ensemble - ein Wehrturm mit Stadtmauer – wurde um ein Drittel gekürzt.  

 

Der Kreisverband des Deutschen Roten Kreuzes in Witzenhausen machte nun wahr, was er bereits 2010 plante: Den Abriss der denkmalgeschützen Stadtmauer des mittelalterlichen Ensembles an der Wickfeldtstraße im nördlichen Bereich.

 

Unter Betonung des großen öffentlichen Interesses ursprünglich als Erweiterungsbau für das Pflegeheim anvisiert, soll nun ein Block mit seniorengerechten Wohnungen sowie Büroräume für einen mobilen Pflegedienst errichtet werden. Das ist grundsätzlich löblich, aber ob dafür eine Stadtmauer fallen muss, ist mehr als fraglich.

 

Mitte September war in der Presse von Baubeginn im Frühjahr 2018 die Rede, doch nun begannen die Bauarbeiten sofort nach Genehmigung des Bauantrags. Nach der Fällung von drei Eichen erfolgte als erste Baumaßnahme der Abriss jener Stadtmauerreste, die nach dem unsachgemäßen Abbruch der angebauten Gebäude übriggeblieben waren (s. Fahrlässiger Eingriff).

4. Nov. 2017 (Foto J. Nicol)

Die Außenschale der abgerissenen Stadtmauer bestand nachweislich aus mittelalterlicher Originalsubstanz, wie der vom DRK beauftragte Bauforscher Peter Dresen aus Bamberg 2011 konstatierte. Die Mauer wurde bis auf Bodenniveau geschliffen, die Steine auf der Baustelle auf einen Haufen geschüttet.

Teilabriss der denkmalgeschützten Stadtmauer am ehemals längsten Stadtbefestigungs-Ensemble im Ostteil der Stadt am 7. Nov. 2017 (Foto: J. Nicol)

Auf beiden Seiten des Mauerfundaments wurde die Erde ausgebaggert und mit Kalkschotter aufgeschüttet. Während der Bauarbeiten fuhren Bagger und andere Fahrzeuge über den Mauerstumpf. Nach Verdichtung des Schotters schaut nun der eingekürzte Mauerstumpf der einst drei Meter hohen Stadtmauer als kläglicher Rest heraus.

18. Nov. 2017 ; (Foto: R. Bokermann)

Nach Fertigstellung des Baus sollen ca. 4,60m der Mauer unter Sicherheitsglas im Aufenthaltsraum zu sehen sein (s. u. auf dem Bauplan grauer Balken unter Tischgruppe, hier mit (1) markiert). Zusätzlich soll auf der nördlichen Gebäudeseite ein schmaler Mauerpfeiler aufgebaut werden, um den Verlauf der Stadtmauer anzudeuten (3).

HNA 16. Sept. 2017

Das DRK, die Stadt und die Denkmalschutzbehörden einigten sich auf diesen Kompromiss, bei dem ihrer Meinung nach „ein Maximum an historischer Substanz der Stadtmauer erhalten“ wird.

 

Dieser Ansicht sind wir von der Arbeitsgruppe Kulturerbe Witzenhausen sowie der Bürgerverein für Bau- und Wohnkultur und nicht zuletzt viele, viele Bürger der Stadt Witzenhausen und andernorts nicht.

Wir sind sehr enttäuscht über das Verhandlungsergebnis, zumal in Witzenhausen alternative Baugrundstücke zur Verfügung stehen.
Das Kulturerbe wurde leichtfertig aufgegeben.

 

Siehe auch Alles rechtens?

12.12.2017 verschonter Sockel nun auch zugeschüttet und mit Schwerlastraupenfahrzeug befahren

Im April wurde der 4,60m lange Sockelrest freigelegt (Bild links: Ostseite; Bild rechts: Westseite, Aufn. 19.4.2018). Ob der Stadtmauerrest archeologisch dokumentiert wurde, bevor er bis zur letzten Schicht mit Beton umgossen wurde (s. Bild unten, Aufn. 29.4.2018), ist uns nicht bekannt.

Sieht so die Erhaltung eines Denkmales aus?

Im Umgang mit Baudenkmälern offenbaren sich Konflikte auch dann, wenn Denkmalbehörden die Belange des Denkmalschutzes nicht gegen wirtschaftliche Interessen durchsetzen können. „… und so verschwand hinterrücks und rechtswidrig auch manches Denkmal. Manchmal setzt sich aber auch einfach ein Landrat über die Denkmalschützer hinweg und beschließt den Abbruch …“ (Hanno Rauterberg: Ein Land auf Abriss. In: Die Zeit, Nr. 3/2007, S. 41)