Das gefährdete Denkmal

Die Stadtbefestigung Witzenhausens

Mit dem Bau der Stadtbefestigung wurde vermutlich nach der Stadtzerstörung 1232 durch Mainzer Truppen begonnen. Von dem ursprünglichen doppelten Stadtmauerring ist die innere Stadtmauer in Witzenhausen zu großen Teilen noch vorhanden, allerdings in der Höhe zumeist stark zurückgebaut.

 

Drei Stadtmauertürme der ehemals zwölf Türme sind noch erhalten.

 

Der Schalenturm ist der einzig erhaltene eckige Wehrturm. Seinen Namen hat er aufgrund seiner Bauweise: er ist wie eine Schale nach innen (stadteinwärts) geöffnet. Zusammen mit dem unteren Teil des Kirchturmes der Liebfrauenkirche ist er der älteste Turm der Stadt.

 

Der Diebesturm und der Eulenturm und wurden Anfang des 15. Jahrhunderts errichtet und dienten primär als Gefangenen- und Pulverturm. Eine Treppe im Diebesturm führt bis ganz oben. Von dort hat man einen herrlichen Blick über Witzenhausen.

Das gefährdete Ensemble - wie alles begann

Im nördlichen Teil der Wickfeldtstraße Witzenhausens steht der aus dem 13. Jhd. stammende Schalenturm. Von ihm aus verläuft die Stadtmauer Richtung Norden. Sie ist in diesem erhaltenen Abschnitt knapp 67m lang, 3m hoch und 1,30-1,50m dick und besteht aus ungleichmäßigen, nur grob behauenen Bruchsteinquadern.

Im Zuge des 2011 geplanten Baues eines Altenpflegeheims durch den Kreisverband des Deutschen Roten Kreuzes sollten massive Eingriffe in die denkmalgeschützten Stadtmauer erfolgen, um den zukünftigen Bewohnern mehr Licht und Luft zu geben.

Ostseite des Ensembles 2012

Das DRK kaufte diese Flurstücke inklusive des mittelalterlichen Kulturdenkmals, obwohl es zwei Alternativgrundstücke für den Bau eines Altenpflegeheims gab.

 

Da in der damaligen Denkmaltopografie nur Teile des Ensembles erfasst waren, beauftragte der DRK Kreisverband den Bauforscher Peter Dresen aus Bamberg eine Bestandsaufnahme mit Befundsuntersuchung durchzuführen. Er konstatierte im September 2011, dass es sich um eine mittelalterliche Stadtmauer handelt, die zu großen Teilen noch in Originalsubstanz erhalten ist. 

 

Daraufhin veranlasste das Landesamt für Denkmalpflege in Wiesbaden  das gesamte Ensemble in der aktuellen Denkmaltopografie als denkmalgeschützt zu kartieren.

Das Verhandlungsergebnis 2011

Bei einer Ortsbegehung im Oktober 2011 an der historischen Stadtmauer mit Vertretern des Kreisverbandes des DRK, des Architektenbüros sowie der Unteren Denkmalschutzbehörde und dem Landesamt für Dankmalpflege wurde detailliert festgelegt, welche Stellen der denkmalgeschützten Stadtmauer ganz entfernt bzw. runtergebrochen werden dürfen.

Schematisch dargestellt hätte der geplante Eingriff so ausgesehen:



 

Nachdem dieses Verhandlungsergebnis feststand, beauftragte das DRK ein Architektenbüro in Kassel mit der Planung eines Altenpflegeheims.

Die Auflage

Das Ergebnisprotokoll dieser Ortsbegehung ist zwar einvernehmlich von den Denkmalschutzbehörden genehmigt worden, doch dem eingereichten Bauantrag wurde von der Unteren Denkmalschutzbehörde in einer ersten Stellungnahme nur mit der Auflage zugestimmt, erst nach Erstellung des Rohbaus den endgültigen Umfang des Eingriffs  festzulegen. Diese Auflage war eine Empfehlung des Denkmalschutzbeirates.

 

Westseite der Stadtmauer 2012 ; (Foto: K.-L. Dierksen)

Mit einer Unterschriftensammlung konnten wir zeigen, dass die Erhaltung der mittelalterlichen Stadtmauer im hohen öffentlichen Interesse steht. Damit erhofften wir uns, die Verhandlungsposition der Denkmalschutzbehörden bei der endgültigen Aushandlung des Eingriffs in die Stadtmauer nach Fertigstellung des Rohbaus zu stärken.

 

Beginn des Rohbaus östlich des historischen Ensembles Frühjahr 2012

Im Dezember 2012 fand eine zweite Ortsbegehung an der Stadtmauer neben dem fertiggestellten Rohbau statt. Doch leider gibt es keine offiziellen Informationen über den Ausgang der Verhandlung zwischen dem Denkmalschutz und dem DRK. Das Ergebnisprotokoll sei weder für betroffene Anwohner noch von engagierten Mitgliedern der Arbeitsgruppe zur Einsicht freigegeben.

 

Das Seniorenheim

Das Seniorenheim wurde Anfang 2014 eröffnet. Tatsächlich ist das historische Ensemble bislang unversehrt geblieben und das DRK freut sich ob der gelungenen Intergration von Baudenkmal und Sinnesgarten.

Blick vom Krankenhausgelände auf das Ensemble 2015 (Foto: J.Nicol)

Anfang März 2015 besuchten Mitglieder des Denkmalbeirates das Seniorenheim und konstatierten, dass die ungeschliffene Stadtmauer neben dem Gebäude keine Beeinträchtigung für die Bewohner darstellt - im Gegenteil, von vielen wird sie als Bereicherung wahrgenommen.

 

Wünschenswert wäre eine öffentliche Wegeführung entlang der westlichen Seite des Heimgrundstücks, um Bürgern und Touristen einen Blick auf das mittelalterliche Ensembles zu ermöglichen, verstellt doch der Neubau die Sicht von der Wickfeldtstraße als auch der Gartenstraße.

 

Gefahr noch nicht vorüber

Laut einem in den Bauantragsunterlagen eingereichten Grundriss soll ca. fünf Jahre nach Fertigstellung des Altenpflegeheims ein Erweiterungsbau erfolgen, der parallel zum Gebäude in der Gartenstraße quer durch die jetztige Stadtmauer führen würde. Dazu müsste knapp ein Drittel der Stadtmauer des Ensembles zwischen dem Transformatorenhäuschen und dem restlichen Parkplatz abgerissen werden. Den Grundriss dazu haben die Architekten bereits detailliert ausgearbeitet.

Wie wir 2014 erfahren haben, hat der Denkmalschutz beireits bei der zweiten Ortsbegehung 2012 dem Abriss des nördlichen Teils der Stadtmauer zugestimmt!

 

Das Bangen um das historische Ensemble in der Wickfeldtstraße hat daher leider noch kein Ende.

 

In der Tat nicht:

siehe Fahrlässiger Eingriff (Feb. 2017)

siehe Erfolgter Abriss (Nov. 2017)

Taubenpärchen im Schalenturm